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Stories

Nachruf Toni Bender

Der glückliche Ikarus fliegt nicht mehr

Fliegerlegende Toni Bender bei Bergtour verstorben

Mit großer Bestürzung und tiefster Trauer möchten wir informieren, dass Toni Bender im Alter von 68 Jahren bei einer Bergtour gestorben ist. Er war alleine mit dem Mountainbike hinauf zur Hinterhorner Alm (Karwendel) geradelt und von dort zum Felix-Kuen-Klettersteig aufgebrochen. Er hatte oben biwakiert. Die Autopsie ergab, dass Toni als Folge einer massiven Dehydrierung gestorben ist.

Wir verlieren mit Toni einen wahren Freund und den treuesten Mitarbeiter, den man sich als Unternehmen nur wünschen kann. Wir nehmen Abschied von einem wirklich außergewöhnlichen Menschen. 2019 haben wir Toni im Magazin „Airtime“ anlässlich des 30-jährigen Firmenjubiläums von NOVA porträtiert, so dass wir in diesem Nachruf einige, von ihm damals autorisierte Zitate verwenden können.

Aufgewachsen am Starnberger See, begann Toni Bender schon in der Schulzeit mit dem Windsurfen und wurde mit dem ihm eigenen Bewegungstalent und einem großen Gefühl für Wind ziemlich schnell ziemlich gut. Als 1973 Mike Harker seinen berühmten Drachenflug von der Zugspitze machte, war der damals 15-jährige Toni zufälligerweise in Garmisch-Partenkirchen. Und absolut fasziniert! Fliegen – das war noch viel cooler als Windsurfen. Toni sprach Harker ganz frech an und konnte ihn in der Folge dazu bewegen, dass ein Freund einen Drachen aus den USA mitbrachte. Offiziell gab es diese Sportart in Deutschland noch nicht. Nur eine Handvoll „Verrückter“ flog mit meist selbst gebauten, abenteuerlichen Konstruktionen, die den Namen „Drachen“ kaum verdienten.

 

Crash-Kurs in Sachen Drachenfliegen

Toni: „Mike Harker hat mir dann in 20 Minuten erklärt wie das Drachenfliegen funktioniert, und mit diesem Wissen und meinem Drachen bin ich dann so lange alleine an den Hügeln um Ammerland herum gehüpft bis ich meinte, ich könne fliegen. 1974 machte ich dann in Kössen meinen ersten Höhenflug.“

Schön früh begann Toni mit der Wettkampffliegerei. „Das hatte einen ganz banalen Grund: es gab damals kein Internet oder sonstige Informationsquellen. Wettbewerbe stellten die einzige Möglichkeit dar, Neues zu sehen und zu lernen, andere Piloten kennenzulernen und sich selbst weiter zu entwickeln.“ Letzteres gelang ihm bestens: „Damals ging es nur um Airtime und Ziellandung. Und da es nur eine Drachengröße gab, war ich als Leichtgewicht von Anfang an sehr gut dabei.“

Derweil machte Toni sein Abitur und begann mit dem VWL-Studium. Aber der Flugvirus beendet die akademische Karriere bevor sie begann: Toni wurde Fluglehrer und eröffnete eine Drachenflugschule. Als 1986/87 das Gleitschirmfliegen aufkam, faszinierte ihn die Einfachheit des neuen Fluggeräts. Er besorgte sich sofort einen Schirm und machte in der Schweiz einen Fluglehrerkurs. In Deutschland ging das noch nicht: hier stritten sich der DAeC (Deutscher Aeroclub) und der DHV (Deutscher Hängegleiterverband) darum, wem das Gleitschirmfliegen „gehört“.

Aus diesem Grund gab es 1987 auch gleich zwei „Erste Deutsche Meisterschaften im Gleitschirmfliegen“. Egal: Bender gewann beide und die im Drachenfliegen noch dazu. Es sollten noch weitere folgen…

Immer die Nase im Wind, eröffnete Toni eine Gleitschirmschule, denn „das war ein Wahnsinns-Boom! Teils hatte ich 60 Leute an einem Schnuppertag – das war völlig verrückt!“

Daneben war Toni damals Teampilot beim damaligen Marktführer Ailes de K und zugleich Testpilot beim DHV. Das führte irgendwann zu einer unglücklichen Situation: Als DHV-Testpilot sorgte er dafür, dass dem Ailes de K Genair das Gütesiegel entzogen wurde.

„Das war echt saudoof, schließlich bezahlte mich Ailes de K sehr, sehr gut. Aber der Schirm hatte geschlossene Außenzellen und war objektiv extrem gefährlich. Da entschied mein Gewissen, dass das Wohl aller Piloten einfach wichtiger ist als mein Geldbeutel.“ Die Zusammenarbeit ging also in die Brüche. Ailes de K brachte bald darauf einen Genair mit Schlitzen im Außenflügel und Toni fand seinen Weg zu NOVA.

Toni erzählte uns wie er und Wolfi Lechner, einer der NOVA-Gründer und bis zum Ende ein enger Freund, zusammenkamen: „Irgendwann hat Wolfi mich nach Innsbruck eingeladen, damit ich mal einen neuen Schirm ausprobiere, der saugut gehen sollte. Das Ding war elliptisch und hatte eine recht geringe Streckung, aber es flog tatsächlich sensationell gut.“ Es war ein Proto des CXC, NOVAs erster Schirm. Daraus ergab sich, dass Toni Bender bereits 1989, im Gründungsjahr von NOVA, mit an Bord kam.

 

Holpriger Start bei NOVA

Wolfi erinnert sich so an die erste Begegnung: „Wir hatten als Treffunkt Igls ausgemacht, um zum Patscherkofel hochzufahren, aber Toni tauchte nicht auf. Denn er wartete stattdessen an der Hafelekarbahn und wollte hoch zur Seegrube. Das war damals natürlich ein Problem, es gab ja noch keine Handys. Eine gute Stunde später tauchte Toni dann doch in Igls auf.“

Er testete dann den CXC und war restlos begeistert. Wolfi: „Ich wollte ihn außerdem noch ein wenig aushorchen und mehr über Condor zu erfahren. Dieser Konkurrenzschirm zeigte sich zwar beim Kurvenfliegen sehr störrisch, galt aber bei der Gleitleistung als Maß der Dinge. Aber Toni hat kein Wort rausgelassen. Nichts.“ Das, was er als DHV-Pilot über andere Schirme gelernt und erfahren hatte, ging niemanden außerhalb des DHV etwas an.

Das zweite Treffen zwischen Toni und NOVA fand am Walensee in der Schweiz statt. Man wollte über Wasser einen neuen Schirm testen. Dieses Mal kam Toni satte acht Stunden zu spät.

Was Wolfi damals noch nicht wusste, sich dann aber über Jahrzehnte manifestierte: Die Selbstorganisation gehörte nicht zu den Kernkompetenzen des Toni Bender. Dinge wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Steuererklärung und jedwede Form von Papierkram waren für einen Freigeist wie ihn zu profan und von ziemlich untergeordneter Bedeutung.

Werte wie Hilfsbereitschaft, Fairness, Aufrichtigkeit, Loyalität und Ehrlichkeit standen dagegen ganz oben auf seiner Liste. Wolfi: „Den Toni hättest Du mitten in Nacht anrufen können, um mit der Schaufel ein Fundament zu graben und dann Beton reinzugießen. Er hätte nicht lange gefragt, sondern wäre einfach gekommen.“

Kaum hatte Toni offiziell bei NOVA angefangen, gab es das nächste Problem. Er brach sich beim Drachenfliegen beide Hände und konnte dadurch weder bei der ersten WM 1989 in Kössen starten, noch für NOVA testen. Das zweite Problem löste man ganz pragmatisch: Wolfi musste testen und Toni leitete ihn über Funk an.

Wolfi: „Was habe ich mir in die Hose geschissen! Ich war nie ein richtig guter Pilot und hatte eindeutig mehr Angst als Ahnung. Möglicherweise bin ich so auch der erste Pilot geworden, der einen Infinite Tumbling geflogen ist – natürlich unfreiwillig!“

Trotz dieses rumpeligen Starts wurde die Ehe von Toni und NOVA eine glückliche. Er war ab dem Gründungsjahr 1989 an Bord. Und blieb bis zuletzt.

 

Die Boom-Zeit des Paragliding

In den goldenen Anfangsjahren der Gleitschirmfliegerei wurde den Top-Piloten gutes Geld bezahlt, um eine bestimmte Schirmmarke zu fliegen. Denn jene Modelle, die im Wettbewerb gewannen, wurden auch gut verkauft. Schließlich gab es keine speziellen Anfängerschirme oder Intermediates. Toni: „Anders als heute, waren Siege bares Geld wert! Ich konnte deshalb vom Wettkampffliegen richtig gut leben. Bei den Verbier Open gab es 10.000 Schweizer Franken Preisgeld und eine Uhr oben drauf, die auch so viel kostete! Heute zahlt man als Wettkampfpilot drauf.“

Tonis Hang zum Chaos zeigt sich auch durch andere Anekdoten. Bei einem Team Meeting am Lijak zog er am Startplatz keinen Schirm aus dem Innenpacksack, sondern einen Schlafsack…

Oder der legendäre Südafrika-Urlaub. Wolfi: „Als wir Toni abholen wollten, um zum Flughafen zu fahren, hatte er noch gar nichts gepackt. Null. Aber er wollte alles mitnehmen, auch sein Surfbrett. Irgendwie haben wir es dann doch noch rechtzeitig zum Check-In geschafft. Aber da Toni vergessen hatte, das Surfbrett anzumelden, gab es dafür keinen Platz mehr im Gepäckraum. Also ließ er das Brett einfach am Flughafen stehen. Südafrika war wichtiger als das Sportgerät. In Kapstadt angekommen meinte Toni, man könnte ja bei Zico übernachten. Zico war einst ein sehr erfolgreicher Manager bei einem international tätigen Finanzkonzern und vorher Team-Manager der deutschen Drachennationalmannschaft. Irgendwann standen wir dann zu dritt vor seiner Tür: er wusste von nichts und seine Frau war alles andere als begeistert. Toni hatte auch vergessen, ihm Bescheid zu geben…

„Der glückliche Ikarus“

Im Jahr 2000 erlangte Toni Bender durch den TV-Beitrag „Der glückliche Ikarus“ weltweite Bekanntheit. Der vom Bayrischen Rundfunk produzierte Film dokumentiert einen Flug vom Brauneck nach Bassano del Grappa. Damals noch ohne Drohne, Action Cam oder Selfiestick montierte Toni eine kiloschwere TV-Kamera an sein Gurtzeug oder sogar in den Schirm. Oft wurde er bei den über 70 Drehtagen von einem Tandemschirm mit Kameramann als Passagier begleitet.

Das Besondere an dem Film: es ging nicht um Adrenalin und Action oder den heldenhaften Toni Bender, stattdessen wurde ganz normalen Leuten verständlich erklärt, wie das Gleitschirmfliegen funktioniert, was Thermik ist und warum man damit weite Strecken zurücklegen kann. „Der glückliche Ikarus“ wurde, man mag es kaum glauben, zur erfolgreichsten Doku, die der BR je produzierte. Er wurde auch in mehrere Sprachen übersetzt, zuletzt 2019 ins Japanische.

Toni Benders Karriere war, allen Erfolgen zum Trotz, aber nicht nur von Höhenflügen begleitet. Insgesamt brach er sich bei diversen Unfällen mit diversen Spielzeugen „so um die 100 Knochen“.

Der schwerste Crash hätte ihn fast das Leben gekostet: „Das geschah in Monaco nach dem Testen. Ich habe mit einer Kamera herumgespielt, war übermütig und unkonzentriert – und bin dann mit viel Energie in die Felsen gekracht.“ Er brach sich u. a. fünf Mal die Wirbelsäule. Die nächsten sieben Monate verbrachte er in einem Gipsbett, ohne sich einen Millimeter rühren zu können. Die Ärzte waren sich sicher, dass er nie mehr würde normal gehen können, und schon gar nicht Sport treiben. Aber da schätzten sie seinen Willen falsch ein: Nach vier Jahren konnte er nicht nur wieder laufen. Toni war wieder jener Sportler, der er immer war: Drachen, Gleitschirm, Skateboard, Windsurfen, Wellenreiten, Kiten, Mountainbiken. Und auch am Gasgriff seines waffenscheinpflichtigen Motorrads drehte er gerne bis zum Anschlag.

Später rettete er in Monaco einer Pilotin das Leben. Das NOVA-Team saß nach dem Testen am Ufer, entspannte und philosophierte. Derweil schaffte es die Pilotin mit ihrem Schirm nicht ganz zurück ans Ufer und landete im knietiefen Wasser. Toni beobachtete das als einziger. Wolfi: „Plötzlich sprang er auf und rannte los. Sie war bereits in die Leinen verwickelt und wurde von den rücklaufenden Wellen hinaus aufs Meer gezogen. Bis wir anderen mitbekamen, was da gerade passierte, hatte Toni sie schon fast an Land gezogen.

Generell fühlte sich Toni sehr zum anderen Geschlecht hingezogen und ließ, wie man so schön sagt, nichts anbrennen. Aber sobald am Horizont abzusehen war, dass es was Ernstes werden könnte, flüchtete Toni und ließ die Frau seines Lebens zurück. Wolfi: „Er hatte echte Bindungsängste.“

So wurde NOVA zur größten Konstanten im Leben des Toni Bender. Er sagte damals: „Das lag und liegt vor allem an den hohen moralischen Werten und der Ethik des Unternehmens. Es gab ja auch bei NOVA immer wieder mal einen Schirm, der sich im Nachhinein als kritisch herausstellte.

Aber Wolfi hat immer reagiert und zuvorderst das Wohl der Piloten gesehen. NOVA spielt bis heute mit offenen Karten. Da kann ich einfach dahinter stehen.“

Irgendwann hörte Toni dann mit dem Testen auf und half nur mehr sporadisch aus, wenn es um den Feinschliff des Handlings bei kleinen Schirmgrößen ging. Schließlich gibt es nur wenige Piloten oder Pilotinnen, die klein und leicht sind und zugleich die Skills haben, die Steuercharakteristik eines Schirms zu optimieren.

In den letzten Jahren war er vor allem als „Toni on Tour“ unterwegs. Mit seinem – mit jeder längeren Tour verbeulteren VW-Bus – besuchte er Flugschulen bei den Test-Events, und es dürfte nur wenige größere Testivals auf dieser Welt geben, an denen er nicht NOVA repräsentiert hätte. Wolfi: „‘Toni on Tour‘ war seine Berufung. Das hat er extrem gerne gemacht und dabei ebenso kompetent wie ehrlich beraten.“ Vor allem viele jüngere Piloten kennen ihn von den Testivals und konnten dort oft auch seine Tierliebe beobachten

Er war ein großer Tierfreund. Vor allem mit Hunden konnte Toni stundenlang spielen. Egal ob mit seiner Paula, unserer  Hermine oder einem anderen Vierbeiner.

Jetzt wurde er aus unserer Mitte gerissen und hinterlässt ein großes Loch. Es mag fast schon überraschen, dass er diese Welt nicht mit einem spektakulären Unfall verlassen hat – aber für eine Überraschung war Toni immer gut. Viele von uns kannten ihn schon ihr ganzes Leben lang. Er war ja „immer“ schon da. Wir haben mit ihm gearbeitet, sind mit ihm geflogen, haben diskutiert, auf ihn gewartet, uns unterhalten und gemeinsam gelacht. Toni war einfach ein Teil von uns. Es ist schwer zu begreifen, dass er nicht mehr unter uns ist.

Seine Schwester Susanne hat uns einen Satz mitgeteilt, der gerade jetzt sehr passend erscheint: „Wildvögel sterben nie. Sie verwandeln sich nur.“

Leb‘ wohl, Toni. Danke!

 

Wir haben ein digitales öffentliches Erinnerungsfotobuch für Toni angelegt:

https://app.teamkarte.de/edit/dc631da3-12fc-474f-99ca-9d48bc7f64b5

 

Wer mehr über Toni lesen möchte, kann hier eine Biografie von Toni lesen, welche zum 30-jährigen Jubiläum von NOVA geschrieben wurde (ab Seite 36):

30 Jahre NOVA (PDF)

 

Sein bekanntestes Werk:

Der Glückliche Ikarus (YouTube)

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